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Zypries: Auf dem Weg zu Stasi 3.0

Viel beachtet wurde das Interview, das Bundesjustizministerin Zypries gestern der taz gegeben hat. Auf den größten Teil des entsetzlichen Gegeifers will ich gar nicht eingehen, denn treffende Entgegnungen wurden bereits geäußert (z.B. hier von Fefe). Aber gegen Ende des Textes schwadroniert Frau Zypries über die technische Fortentwicklung des Internets:

Die technische Entwicklung geht mit Rasanz voran, wer weiß, ob wir nicht in fünf Jahren eine neue Generation des Internets haben. Vielleicht hat dann jeder Mensch eine individuelle IP-Adresse, die so unverwechselbar ist wie seine Telefonnummer? Was hieße  das denn für die Anonymität des Netzes? Aber von solchen Entwicklungen wissen viele Piraten offenbar gar nichts – jedenfalls diskutieren sie nicht darüber.

Frau Zypries möchte eine Diskussion über IP-Adressen. Warum auch nicht – ohne IP-Adresse nützt einem ja selbst der beste Browser nicht viel.

Betrachtet man die Idee von Frau Zypries etwas genauer, dann ist dem Leser möglicherweise schon aufgefallen: Dafür muss nichts mehr entwickelt werden, das gibt es alles schon. Die Zuordnung einer persönlichen IP-Adresse ist nichts revolutionär neues, sondern das, was die Väter von IP ursprünglich vorgesehen haben. Sie konnten aber nicht mit der rasanten Verbreitung des Internets rechnen, durch welche die etwa vier Milliarden möglichen IP-Adressen knapp wurden. Darum verwenden wir heute für Internetzugänge im Consumer-Bereich dynamisch zugeteilte IP-Adressen. Durch die Einführung von IPv6 stünde aber eine ausreichende Zahl von Adressen (ungefähr 3,4·1038) zur Verfügung; die notwendige Technik ist vorhanden und wird irgendwann auch einmal flächendeckend eingesetzt werden. Die technische Notwendigkeit dynamischer IP-Adressen entfiele, stattdessen könnte man jedem Menschen für jedes seiner Atome eine Adressen zuordnen und hätte erst 20% belegt.

Und die gesellschaftlichen Konsequenzen? Bereits heute kommen wir bei der Recherche von Informationen, bei der Kommunikation oder beim Shopping oft gar nicht mehr ohne das Internet aus. Immer mehr Sachen kann man nur noch im Internet tun – oder eben ganz lassen. Und dabei sind wir erst ganz am Anfang des digitalen Zeitalters. In Frau Zypries‘ Szenario werden Sie keinen Tastendruck mehr anonym tun können. Man wird wissen, welche Online-Zeitung Sie lesen und welche Artikel darin. Welche Werbebanner sie betrachten und wie lange. In welchem Forum Sie lesen – und was Sie dort schreiben. Und das alles und noch viel mehr wäre Ihnen auf Lebenszeit zuzuordnen! Darüber freuen sich:

  • die Werbewirtschaft (perfekt individualisierte Werbung),
  • die Contentmafia (gewaltsames Durchsetzen von Verwertungsrechten),
  • den Staat (perfekte Kontrolle jedes einzelnen Bürgers).

Auch, wenn es möglich ist, jedem Menschen eine fixe IP-Adresse zuzuordnen – eine technische Notwendigkeit ist es nicht. Aber man kann es realisieren, und damit könnte es von der Politik durchaus gefordert werden. Der digitale Alptraum als Evolution derzeitiger Innenpolitik! War die Bemerkung von Frau Zypries schon der erste Vorstoß in diese Richtung?

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